| 

.NET C# Java Javascript Exception

0

mac-developer: Herr Schmidt, wird das iPad die Medienlandschaft verändern?

Holger Schmidt: Nüchtern betrachtet ist das iPad ein komfortables Lesegerät für das Sofa. Erstmals gibt es also ein Gerät, das das Lesen am Bildschirm vom Arbeitszimmer oder Büro ins Wohnzimmer verlagern kann. Das ist eine Chance vor allem für Verlage, ihrer Zielgruppe aktuelle, gut aufbereitete Geschichten zu präsentieren. Mit Zielgruppe meine ich die Menschen, die mehr Informationen wollen als das Fernsehen liefert, die aber ihre Abende gewöhnlich ohne Notebook auf den Knien oder Smartphone in der Hand verbringen. Das iPad – stellvertretend genannt für alle weiteren Tablet-Computer, die jetzt auf den Markt kommen – ist also ein neuer Distributionsweg für Inhalte. Mehr noch nicht. Denn in der Diskussion wird gerne vergessen, dass in Deutschland schon 40 Millionen Menschen Zugang zu einem Internet-Computer haben. Sollte das iPad in absehbarer Zeit vier Millionen erreichen, wäre das schon viel. Hier kommt die Theorie der zweiseitigen Märkte ins Spiel: Je mehr Konsumenten ein iPad haben, desto größer ist der Anreiz für Verlage, Apps zu entwickeln. Mit der Zahl der attraktiven Apps steigt aber erst der Anreiz für die Leser, überhaupt ein iPad zu kaufen. Apple hat dieses Henne-Ei-Problem beim iPhone gelöst. Vielleicht gelingt es beim iPad ja noch einmal.

mac-developer: Wird Paid Content dank des iPad doch noch funktionieren?

Schmidt: Paid Content unterliegt auf dem iPad erst einmal den gleichen Gesetzmäßigkeiten wie im Web: Solange die Nutzer gleichwertige Inhalte an anderer Stelle kostenlos finden, ist die Zahlungsbereitschaft gering. Auch das iPad hat einen Browser, in dem die Nutzer sehr schnell eine kostenlose Webseite ansteuern können. Warum die iPad-Nutzer nun mit Freude für Inhalte zahlen sollten, kann ich nicht erkennen. Sicher bieten die Apps die technischen Möglichkeiten, Einzigartiges zu produzieren und es einfach bezahlen zu lassen. Doch nun liegt es in den Händen der Verlage, nicht nur eine Bezahlkultur zu fordern, sondern die notwendigen hochwertigen Inhalte zu produzieren, die es an anderer Stelle so nicht gibt. Die Verlage müssen dafür schnell ihre Entwicklungskompetenzen stärken, also innovativer werden.

mac-developer: Welche Bezahlmodelle sind mit dem iPad denkbar?

Schmidt: Bei dem geschlossenen Apple-Modell sind die Inhalte-Anbieter davon abhängig, was Apple zulässt. Prinzipiell werden die meisten Anbieter wahrscheinlich auf bequeme Abo-Modelle setzen, die nach einer Einführungsphase wirksam werden. Damit wird allerdings eine hohe Einstiegshürde aufgebaut. Interessant wäre auch der Ansatz, ein Pay-per-Use-Modell zu nutzen, das die Zahlung erst nach dem Lesen einzelner Textpassagen ermöglicht. Der Leser weiß dann, was er für sein Geld bekommt. Enttäuschungen werden vermieden und die Einstiegshürden wären gering.

mac-developer: Woran könnte das Projekt „Medienbranchen-Retter“ scheitern?

Schmidt: Verlage verbinden mit dem iPad ein Stück weit auch den Wunsch, die Änderung der Mediennutzungsgewohnheiten aufhalten zu wollen. Sie wünschen sich den eher passiven Leser (zurück), der sich alle Inhalte von einem Anbieter aufbereiten lässt. Vor allem junge Menschen suchen sich aber lieber ihre Informationen im Netz zusammen und verlassen sich gerne auf Empfehlungen ihrer Freunde in sozialen Netzwerken. Ob die Apps gegen diesen Trend zur Atomisierung der Medienlandschaft ankommen, ist die große Frage.

mac-developer: Was sagen Sie denn zum „iPad-Killer“ WePad?

Schmidt: Der Ansatz des WePad hörte sich gut an, aber das halbfertige Produkt wurde offenbar zu früh vorgestellt. Es wird allerdings bald viele iPad-Varianten geben, zum Beispiel von Google, Microsoft, Nokia oder HP. Die Leistungsfähigkeit der Geräte wird schnell zunehmen, so dass die Restriktionen, die das gerade vorgestellte iPad noch hat, bald verschwunden sein werden. Die Hardware wird dann nicht das Verkaufsargument sein. Die Software und die Attraktivität der Apps werden über den Erfolg entscheiden. Womit wir wieder bei der Theorie der zweiseitigen Märkte und dem Henne-Ei-Problem wären. Der Innovator Apple hat wie beim iPhone den Zeitvorteil auf seiner Seite. Und der Rest der Branche muss wieder einmal hinterherlaufen. [mjh/jp]

Über den Interviewpartner
Dr. Holger Schmidt ist promovierter Volkswirt und schreibt seit 1997 für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), vorwiegend über die Themen Internet und Online-Medien aus ökonomischer Sicht – sowohl in der gedruckten Ausgabe der FAZ als auch auf seinem sehr bekannten Weblog Netzökonom. Zudem ist Schmidt Internet-Koordinator der FAZ.

mac
Schreibe einen Kommentar:
Themen:
mac
Entweder einloggen... ...oder ohne Wartezeit registrieren
Benutzername
Passwort
Passwort wiederholen
E-Mail